top of page
file_00000000d15471f493b33dab5e8b3933.png
2-Probe.png
1.png

Wenn über Tierleid gesprochen wird, stehen meist Kühe, Schweine oder Hühner im Mittelpunkt. Tiere mit Augen, Stimmen, Gesichtern. Tiere, deren Leid wir uns leichter vorstellen können. Fische dagegen verschwinden in unserer Wahrnehmung oft genau dort, wo sie leben: unter der Oberfläche. Sie schreien nicht hörbar. Sie ziehen keine Schnute wie ein Hund. Sie sehen uns nicht mit großen Rehaugen an. Ihr Leid passiert weit weg von unserem Alltag: auf hoher See, in Netzen, an Haken, in engen Zuchtbecken oder riesigen Käfiganlagen im Meer. Und genau deshalb wird es so leicht übersehen. Dabei sind Fischfang und Aquakultur keine harmlose Nebensache für Menschen, die „halt gern mal Fisch essen“. Es geht um Milliarden fühlender Tiere. Um zerstörte Lebensräume. Um Nahrungsketten, die ins Wanken geraten. Um Meere, die nicht nur hübsche Urlaubs-Kulisse sind, sondern eines der wichtigsten Systeme, die unseren Planeten am Leben halten. Der Fisch auf dem Teller ist also nicht einfach nur ein Filet mit Zitrone. Er ist Teil einer Geschichte, die wir viel zu selten zu Ende erzählen.

Der Ozean ist kein All-you-can-eat-Buffet

Der Ozean wirkt für viele Menschen unendlich. Riesig, tief, ge-heimnisvoll — und irgendwie unkaputtbar. Als könne man dort seit Jahrhunderten nehmen, nehmen, nehmen, und am Ende füllt sich alles schon wieder von selbst auf. Praktisch. Nur leider falsch. Unter der Wasseroberfläche befindet sich eines der wichtigsten Öko-systeme unseres Planeten. Ein großer Teil des Sauerstoffs auf der Erde entsteht im Meer, vor allem durch winziges Phytoplankton. Gleichzeitig nimmt der Ozean große Mengen CO₂ auf und spielt damit eine wichtige Rolle für unser Klima. Auch Wale sind Teil dieses Gleichgewichts. Sie tauchen in die Tiefe, nehmen dort Nahrung auf und kommen zum Atmen wieder an die Oberfläche. Dabei geben sie nährstoffreiche Ausscheidungen ab, die wie Dünger für Phytoplankton wirken können. Ja, so unromantisch es klingt: Selbst Wal-Kot kann für das Klima eine Rolle spielen. Das Meer funktioniert nicht in Einzelteilen. Es ist kein Lagerraum mit Fischbestand, den man nach Bedarf auffüllt. Es ist ein fein abgestimmtes System. Wenn wir immer mehr Tiere herausreißen, Lebensräume zerstören und Nahrungsketten verändern, bleibt das nicht folgenlos. Und diese Folgen betreffen nicht nur Fische, Wale oder Schildkröten. Sie betreffen am Ende auch uns.

Plastik ist schlimm — aber es ist nicht der einzige Bösewicht

Wenn wir an verschmutzte Meere denken, sehen viele sofort Plastikflaschen, Tüten, Strohhalme und Verpackungen vor sich. Und natürlich: Plastik ist ein großes Problem. Nicht jede richtig entsorgte Flasche landet automatisch im Meer. Aber Plastik ge-langt in die Umwelt, wenn Müll achtlos weggeworfen wird, aus schlecht gesicherten Abfallsystemen entweicht oder über Flüsse, Abwasser und Regen weitergetragen wird. Und Plastik ver-schwindet nicht einfach höflich, wenn es stört. Es zerfällt mit der Zeit in immer kleinere Teile und wird zu Mikroplastik. Das entsteht nicht nur aus sichtbarem Müll, sondern auch durch Reifenabrieb, Kunstfasern aus Kleidung und andere Kunststoffprodukte. Aber bei all den Bildern von Strohhalmen in Schildkrötennasen wird ein großer Teil des Problems oft erstaunlich leise behandelt: die Fischerei selbst. Verlorene Netze, Leinen und Seile treiben als sogenannte Geisternetze weiter durch den Ozean. Sie fangen weitere Tiere, obwohl kein Mensch mehr am anderen Ende steht. Fische, Schildkröten, Delfine, Wale, Haie und Seevögel können sich darin verfangen, sich verletzen oder sterben. Weniger Einweg-plastik zu benutzen, ist sinnvoll. Keine Frage. Aber wenn wir wirklich über Meeresschutz sprechen wollen, reicht es nicht, nur über Strohhalme und Plastikflaschen zu reden. Das ist die bequeme Version der Debatte. Die unbequemere lautet: Wir müssen auch über die Fischindustrie sprechen.

Wildfang klingt natürlich — ist aber oft alles andere als harmlos

„Wildfang“ klingt erst einmal gut. Nach Freiheit. Nach Natur. Nach einem Fisch, der fröhlich durchs Meer schwimmt, bis er irgendwann ganz romantisch auf einem Teller landet. Die Realität ist weniger idyllisch. Beim kommerziellen Fischfang landen nicht nur die Tiere im Netz, die später verkauft werden. Auch Delfine, Wale, Haie, Schildkröten, Rochen oder Seevögel können als Beifang sterben. Sie waren nie bestellt, nie gewollt, nie auf der Verpackung abge-bildet — aber sie zahlen trotzdem den Preis. Auf manchen Pro-dukten stehen beruhigende Begriffe wie „delfinfreundlich“ oder „Dolphin Safe“. Das klingt nach gutem Gewissen in Dosenform. Nach: Alles halb so wild, hier wurde aufgepasst. Nach den jeweiligen Regeln soll damit ausgesagt werden, dass bei diesem Thunfischfang keine Delfine absichtlich eingekreist und keine Delfine getötet oder schwer verletzt wurden. Das ist nicht nichts. Aber es ist eben auch nicht alles. Viele Menschen verstehen solche Labels schnell als allgemeine Entwarnung. Als würde „delfin-freundlich“ bedeuten: nachhaltig, leidfrei, sauber, moralisch abgehakt. Doch so einfach ist es nicht. Andere Tiere wie Haie, Schildkröten, Rochen oder Seevögel können trotzdem betroffen sein. Auch Greenpeace weist darauf hin, dass „dolphin friendly“ nicht automatisch als Zeichen für nachhaltigen Thunfisch ver-standen werden sollte. Ein Label kann bestimmte Regeln setzen. Aber es bedeutet nicht: Für dieses Produkt musste sicher kein Tier leiden. Und selbst wenn kein Delfin zu Schaden kam, bleibt da immer noch der Fisch selbst — ein fühlendes Lebewesen, das gefangen und getötet wird. Das wird in der Debatte erstaunlich oft vergessen. Als wäre der Fisch nur die Verpackungseinheit des Problems.

Haie sind keine Monster — sie sind eher die Aufräumtruppe des Meeres

Haie haben ein miserables Image. Filmplakate, Horrorgeschichten und reißerische Schlagzeilen haben ganze Arbeit geleistet. In unserer Vorstellung lauern sie irgendwo im Blau und warten nur darauf, einen ahnungslosen Badegast dramatisch zu ruinieren. Die Wirklichkeit ist deutlich weniger hollywoodreif. Haie töten weltweit nur sehr wenige Menschen pro Jahr. Umgekehrt werden jedes Jahr Millionen Haie durch Menschen getötet — gezielt wegen ihrer Flossen oder als Beifang in der Fischerei. Eine große Studie in Nature kam zu dem Ergebnis, dass ozeanische Haie und Rochen seit 1970 um etwa 71 Prozent zurückgegangen sind. Hauptgrund dafür ist der stark gestiegene Fischereidruck. Drei Viertel der untersuchten Arten gelten inzwischen als bedroht. Das ist nicht nur traurig für Haie. Es ist ein Problem für ganze Ökosysteme. Haie sind wichtige Raubtiere. Sie können dazu beitragen, Fischbestände gesund zu halten und das Gleichgewicht im Meer zu stabilisieren. Wenn große Raubtiere verschwinden, verändert sich die Nah-rungskette. Und wenn sich Nahrungsketten verändern, bleibt selten alles andere hübsch an seinem Platz. Der Hai ist also nicht das eigentliche Monster im Meer. Das größere Problem ist ein System, das ihn massenhaft tötet — und danach trotzdem so tut, als müsse vor allem der Mensch beschützt werden.

 

Schleppnetze: einmal über den Meeresboden bügeln

Eine besonders zerstörerische Fangmethode ist die Grund-schleppnetzfischerei. Dabei werden schwere Netze über den Meeresboden gezogen. Was dort über lange Zeit gewachsen ist, kann in kurzer Zeit beschädigt oder zerstört werden. Man kann sich das ein bisschen vorstellen, als würde jemand mit schwerem Gerät durch einen Wald fahren und hinterher sagen: „Aber wir wollten doch nur ein paar Pilze sammeln.“

Der Meeresboden ist kein leerer Teppich. Er ist Lebensraum, Ver-steck, Kinderstube und Nahrungsquelle. Dort leben Tiere, dort wachsen Strukturen, dort hängen ganze kleine Welten voneinander ab. Grundschleppnetze können Lebensräume zerstören, Sedimen-te aufwirbeln und Tiere töten, die gar nicht gefangen werden sollten. Zusätzlich wird wissenschaftlich untersucht, wie stark diese Fangmethode gespeicherten Kohlenstoff aus Sedimenten frei-setzen kann. Die genaue Klimawirkung ist noch umstritten. Klar ist aber: Für viele Meereslebensräume ist diese Methode extrem be-lastend. Und trotzdem landet das Endprodukt später oft ganz unschuldig in der Kühltheke. Sauber verpackt. Schön etikettiert. Als wäre vorher nichts passiert.

 

Aquakultur: Massentierhaltung unter Wasser

Fischzucht klingt für viele erst einmal nach einer guten Lösung. Weniger Wildfang, weniger Druck auf die Ozeane, kontrollierte Bedingungen. Klingt vernünftig. Klingt modern. Klingt nach Fortschritt. Leider ist Aquakultur oft keine Lösung ohne Leid. Häufig wird das Problem nicht aufgehoben, sondern verlagert — vom offenen Meer in Becken, Netzkäfige und Zuchtanlagen. In vielen Anlagen leben unzählige Fische auf engem Raum. Sie schwimmen nicht frei durchs Meer, sondern in dicht besetzten Systemen zwischen Stress, Kot, Futterresten, Krankheiten und Parasiten. Besonders bei Lachsen sind Seeläuse ein großes Problem. Diese Parasiten setzen sich an lebenden Fischen fest und ernähren sich von Schleim, Haut und Blut. Sie können offene Wunden verursachen, die Tiere schwächen und anfälliger für weitere Krankheiten machen. Das klingt nicht nach der sauberen, natürlichen Alternative, als die Fischzucht oft verkauft wird. Es klingt nach dem, was es für viele Tiere ist: Massentierhaltung unter Wasser. Dazu kommt: Viele Zuchtfische werden mit Fischmehl und Fischöl gefüttert. Dafür werden wiederum Wildfische gefangen. Aquakultur bedeutet also nicht automatisch weniger Wildfang. Bei manchen Arten wird der Fischfang nur unsichtbarer gemacht, weil andere Fische erst zu Futter verarbeitet werden, damit am Ende ein Zuchtfisch verkauft werden kann. Oder anders gesagt: Man fängt Fische, um Fische zu füttern, damit Menschen Fische essen können — und verkauft das Ganze dann als Entlastung der Meere.

 

Warum Zuchtlachs rosa ist

Viele Menschen verbinden Lachs automatisch mit seiner typischen rosa Farbe. Sie wirkt frisch, natürlich und gesund. Genau so, wie Lebensmittelwerbung es gern hätte. Bei Zuchtlachs ist diese Farbe aber kein Zufall. Wildlachse bekommen ihre rosa Färbung über ihre natürliche Nahrung. Zuchtlachse haben diese Nahrung nicht in derselben Form. Deshalb wird ihrem Futter der Farbstoff Asta-xanthin zugesetzt. Ohne diesen Farbstoff wäre das Fleisch von Zuchtlachsen eher blass, weißlich oder grau. Die Farbe, die viele Menschen als „normal“ wahrnehmen, wird in der Zucht also gezielt hergestellt. In der Lachsindustrie gibt es sogar Farbskalen, mit denen festgelegt werden kann, welche Färbung das Filet haben soll. Und genau hier wird es interessant. Bei veganen Produkten wird schnell von „unnatürlich“, „künstlich“ oder „Chemie“ gespro-chen. Gleichzeitig gilt es für viele als völlig normal, einen Fisch zu essen, dessen Farbe über zugesetzte Stoffe im Futter so ange-passt wird, wie Kundinnen und Kunden sie erwarten. Zuchtlachs sieht also nicht einfach so aus, weil er „natürlich gesund“ ist. Er sieht so aus, weil Menschen erwarten, dass Lachs rosa ist — und weil die Industrie dieses Bild bedient. Man könnte sagen: Der Lachs be-kommt sein Marketing schon ins Futter gemischt.

Fisch ist nicht automatisch gesund

Fisch hat ein erstaunlich gutes Image. Er gilt als leicht, sauber, natürlich und gesund. Besonders gern wird dabei auf Omega 3 verwiesen. Dabei stammen viele dieser Fettsäuren ursprünglich aus Algen und gelangen erst über die Nahrungskette in den Fisch. Der Fisch ist also nicht die magische Quelle, sondern eher die Zwischenstation. Dazu kommt: Fisch kann belastet sein. Besonders große Raubfische wie Thunfisch, Hai oder Schwertfisch können höhere Mengen Quecksilber enthalten, weil sich Schadstoffe in der Nahrungskette anreichern. Auch Antibiotika sind in der Fischzucht ein Thema. In der EU dürfen sie zwar nicht einfach zur Wachs-tumsförderung eingesetzt werden. Wenn Tiere krank werden, können sie aber verwendet werden. Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Wo viele Tiere auf engem Raum leben, entstehen Stress, Verletzungen, Krankheiten und Behandlungs-bedarf. Das Problem ist also nicht nur die Frage, ob später noch Rückstände im Filet nachweisbar sind. Das Problem ist das System dahinter. Tiere werden so gehalten, dass Krankheiten und Medi-kamente überhaupt erst Teil der Produktion werden. Fisch ist deshalb nicht automatisch das natürliche Gesundheitsprodukt, als das er oft verkauft wird. Omega 3 bekommt man auch direkt aus Algenöl — ohne dafür ein Tier aus dem Meer oder aus einer Zuchtanlage zu essen.

 

Fische fühlen mehr, als viele glauben

Fische werden oft behandelt, als wären sie schwimmende Dinge. Als hätten sie mit Leid ungefähr so viel zu tun wie ein Stück Gurke.

Aber Fische sind keine Gegenstände. Sie haben ein Nervensystem, Sinnesorgane und Schmerzrezeptoren. Studien zeigen, dass sie auf schädliche Reize reagieren und dass Schmerz, Stress und Leiden bei ihrem Tierwohl berücksichtigt werden müssen. Sie können sehen, hören, riechen, schmecken und Berührungen wahrnehmen. Sie reagieren auf Gefahr, schlechte Bedingungen und Verlet-zungen. Trotzdem werden sie in der Praxis oft behandelt, als wären sie gefühllose Ware. Dabei müssen wir gar nicht so tun, als könnten wir uns exakt in einen Fisch hineinversetzen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob ihr Schmerz sich genauso anfühlt wie unserer. Die entscheidende Frage ist: Können sie leiden? Und die Antwort darauf ist klar genug, um ihr Leid nicht länger bequem auszu-blenden.

Was können wir tun?

Die einfachste Entscheidung ist: keinen Fisch essen oder den Fischkonsum deutlich reduzieren. Nicht, weil jeder Mensch perfekt leben muss. Nicht, weil es darum geht, mit erhobenem Zeigefinger durch den Supermarkt zu marschieren. Sondern weil es heute Alternativen gibt. Es gibt vegane Fischalternativen, Algenöl für Omega 3 und viele pflanzliche Gerichte, die lecker sind, ohne dass dafür Meeresbewohner sterben müssen. Wir können außerdem weniger Einwegplastik nutzen, keine Delfinshows besuchen, Meeresschutzorganisationen unterstützen und kritisch hinter-fragen, was Labels wirklich bedeuten. Denn ein gutes Gewissen sollte nicht an einem hübschen Siegel hängen, sondern an der Frage, was dahinter passiert. Fische sind keine Zutaten. Sie sind fühlende Lebewesen. Und der Ozean ist kein endloses Lager, aus dem wir nehmen können, ohne Folgen zu hinterlassen. Wenn es Alternativen gibt, die lecker sind und weniger Leid verursachen, dann ist es sinnvoll, genau diese Alternativen zu wählen. Nicht irgendwann, wenn alles noch schlimmer wird. Sondern jetzt.

Das AUSSTERBEN der FISCHE? - Ist es schon zu spät? | Robert Marc Lehmann
39:05
Seaspiracy | Official Trailer | Netflix
02:21
Ist es noch vertretbar Fisch zu essen? | Robert Marc Lehmann über nachhaltigen Fisch
13:09
DAS ENDE DER FISCHE | Die Überfischung
16:17
bottom of page